Anna Jarvis, um 1900
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12. Mai 2024 Über die "Mutter des Muttertages" - Das Erbe von Anna Jarvis

10. Mai 2024, 15:56 Uhr

Am Muttertag die Flagge zu hissen und einen Blumenstrauß zu verschenken, war der kämpferischen Methodistin Anna Jarvis, die selbst nie Mutter war, schon vor über hundert Jahren zu wenig. Der Tag sollte helfen, die Rechte von Müttern und Frauen zu stärken. Im Mai 1914 unterschrieb US-Präsident Thomas Woodrow Wilson den Erlass, künftig am zweiten Sonntag im Mai den Muttertag zu begehen. Eine Erinnerung an die "Mutter des Muttertages", der in Deutschland seit 1923 gefeiert wird.

Der Muttertag ist zwar kein gesetzlicher Feiertag, aber jeder kennt ihn. Und besonders Blumen- und Geschenkehandel sorgen dafür, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Dabei wissen die wenigsten, dass sich die "Erfinderin" des Muttertages bis zu ihrem Tod nach Kräften gegen die Kommerzialisierung dieses Gedenktages gewehrt hatte.

Im Gedenken an die eigene Mutter

Die "Mutter" des Muttertages ist Anna Marie Jarvis. Sie wurde am 1. Mai 1864 in einem Dorf im US-Bundesstaat Virginia geboren. Ihr Vater war ein methodistischer Pfarrer und Anna Marie das neunte Kind der frommen Großfamilie. Annas Vater stirbt früh und nun muss sich die Mutter plötzlich ganz allein um die Großfamilie und die blinde Schwester kümmern. Anna steht der Mutter bei. Sie heiratet nicht, wird Lehrerin und unterstützt die Familie auch finanziell.

Doch die über alles geliebte Mutter stirbt überraschend am zweiten Sonntag im Mai 1905. Da sie Mittelpunkt und Herz der Familie gewesen ist, will Anna Jarvis die Erinnerung an die stets hilfsbereite, beliebte und geschätzte Frau nicht einfach verblassen lassen. Sie beschließt, aus dem privaten Gedenken ein öffentliches zu machen und zwar für alle Mütter.

Die Idee des Muttertages trifft den Zeitgeist in den Vereinigten Staaten

Thomas Woodrow Wilson
Der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson erklärte 1914 per Gesetz den Muttertag am zweiten Sonntag im Mai zum offiziellen Staatsfeiertag. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Am 10. Mai, dem zweiten Mai-Sonntag 1908, wird erstmals in einer Methodistenkirche in Grafton, in der Nähe von Philadelphia, ein Gottesdienst zum Muttertag gefeiert. Und Anna Marie Jarvis startet eine Kampagne: Sie wirbt mit Zeitungsartikeln und Briefen an Politiker, Frauenverbände und Kirchenführer für die Einführung eines "Freundschafts- und Danktages" für die Mütter. Am 8. Mai 1914 unterschreibt der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson einen vom amerikanischen Kongress einstimmig beschlossenen Erlass, dass künftig am zweiten Sonntag im Mai der Muttertag begangen werden soll. Anna Marie Jarvis hatte ihr Ziel erreicht, aber um welchen Preis?

Weiße und rote Nelken für die Mütter: Floristen wittern ein Geschäft

Am Muttertag die Flagge zu hissen und einen Blumenstrauß zu verschenken, war der kämpferischen Methodistin, die selbst nie Mutter war, zu wenig. Der Tag sollte helfen, die Rechte der Mütter – der Frauen – durchzusetzen. Beispielsweise das Frauenwahlrecht. Doch plötzlich wurde der Blumenstrauß zum Zeichen des Gedenktages.

Anna Jarvis hatte nach dem ersten Gedenkgottesdienst für ihre Mutter deren Lieblingsblume, die Nelke, verteilt: weiße Nelken für die verstorbenen Mütter, rote für die lebenden. Ein wunderbares Symbol, das zur Anregung für Blumenhändler wurde. Floristen, Juweliere, Süßwaren- und Grußkartenproduzenten witterten ihr Geschäft und vereinnahmten den Gedenktag schnell.

Anna Marie Jarvis wehrte sich bis an ihr Lebensende gegen dies Vereinnahmung des Muttertages durch Handel und Industrie. Und sie zieht dagegen sogar vor Gericht. Doch die Lobby derjenigen, die an diesem Tag verdienen, ist zu groß. Anna verliert schließlich alles und kann nicht einmal das Altenheim bezahlen, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbringt. Ironie der Geschichte: Die Kosten übernehmen schließlich Blumenhändler. Anna Maria Jarvis sollte davon nie etwas erfahren. Sie stirbt am 24. November 1948.

In der NS-Diktatur politisch missbraucht

Der Muttertag ist heute der Tag, an dem die Blumenläden ihr großes Frühjahrsgeschäft machen. Und der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber war es auch, der den Muttertag in Deutschland 1923 durch Kampagnen und Werbeplakate mit dem Spruch "Ehret die Mutter" etablierte. Später erfährt der Tag im NS-Regime eine fatale Umwidmung.

Der Mutterkult unter den Nationalsozialisten gründet sich in erster Linie darauf, dass Frauen Kinder gebären sollten - je mehr, desto besser. Ab 1938 winkt dafür das Mutterkreuz als Auszeichnung. Verliehen wird es - im Volksmund auch "Karnickelkreuz" genannt - am Muttertag, den die Nazis nach der Machtergreifung schnell für sich vereinnahmten und 1934 offiziell zum Feiertag erklärten. Endlich, so scheint es, wird die biologische Funktion der Frau vom Staat gebührend anerkannt. "Mutter, Deine Söhne sind die Zukunft des Staates", so propagieren es die Nazis.

Die Instrumentalisierung durch die Nazis und die spätere Kommerzialisierung des Muttertages ab den 1950er-Jahren lösen bis heute bei vielen Menschen zwiespältige Gefühle aus.

Muttertag abschaffen?

Barbara Thiessen, bis 2022 Professorin für Soziale Arbeit und Gender Studies an der Hochschule Landshut und heute an der Uni Bielefeld tätig, würde den Muttertag nicht einfach abschaffen, sondern gerechter machen – sie plädiert für einen "Pride Care Day". Der sollte die Care-Arbeit, also die Arbeit für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige, in den Mittelpunkt stellen und das unabhängig vom Geschlecht der Person, der sie macht. An Mutter- wie Vatertagen würden allzu oft Geschlechtermuster der 1950er-Jahre transportiert, die nicht mehr der Realität entsprächen.

Wie auch der Frauentag am 8. März solle der "Pride Care Day" eine politische Komponente bekommen, findet Thiessen. "Politisches Anliegen wäre, Care-Aufgaben zum Normalfall für alle zu machen." Damit käme man auch den historischen Wurzeln des Muttertages wieder näher.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 12. Mai 2024 | 07:30 Uhr